Auch heute wird es wieder ein sehr persönlicher Beitrag. 

Wie du mittlerweile weißt, liebe ich Yoga. Für mich ist Yoga mehr als nur ein Bewegen des Körpers, bewusstes Atmen, ein bisschen Entspannen und Meditieren. Für mich ist Yoga Leben. Für mich ist Yoga Alltag oder kurz gesagt: eine Lebenseinstellung. 

Vielleicht fragst du dich, warum das so ist? Du hast schon mal Yoga praktiziert oder kommst sogar in meinen Unterricht. Aber warum ist Yoga DAS Ding für mich? Weil es mir hilft das Leben zu verstehen, weil es mir hilft mich zu verstehen und weil es mir hilft meinen Körper zu erfahren auf allen Ebenen, körperlich, geistig und energetisch.  

Heute möchte ich dir dazu von meinen Erfahrungen mit dem Schulterstand berichten. Du kennst diese Übung wahrscheinlich noch aus dem Schulunterricht. Dort hieß es: die Kerze. Erinnerst du dich?
Saravangasana war am Anfang nur eine von vielen Übungen, die man im halt Yoga so macht. Durchaus herausfordernd, aber nicht mehr und nicht weniger. Man legt sich mit geschlossenen Beinen auf den Rücken, die Handflächen zeigen nach unten. Mit dem Einatmen hebst du Beine und Becken, Gesäß ab. Der untere Rücken wird von den Händen gestützt. Die Ellenbogen sind nah beieinander. Die Hände gehen Richtung Schultern. Wenn es dir möglich ist, halte Rücken, Beine und Hüfte in einer geraden Linie. Die Füße sind locker. Nach ca. 10 Atemzügen legst du beide Arme auf den Boden, beugst deine Beine und rollst Wirbel für Wirbel ab. Entspanne in Shavasana (siehe Blogartikel Nr. 1). Übe diese Körperhaltung nur bei gesundem Nacken und Schulterbereich. Bei Erkrankungen in der Halswirbelsäule unterlasse die Übung. Im Zweifel kontaktiere deinen Arzt oder/und Physiotherapeuten. 

Bevor ich gleich über meine Erfahrungen mit dem Schulterstand schreibe, möchte ich die körperlichen Wirkungen nicht unerwähnt lassen. Die Umkehrhaltung (Herz oberhalb des Kopfes) aktiviert die obere Wirbelsäule und die Schultergelenke, außerdem kräftigt der Schulterstand die Arme und den Rücken. Der Rücken erfährt eine starke Dehnung, was Stresshormone sinken lässt. Durch die Umkehrhaltung hat es auch eine weckende, muntermachende Wirkung. 

Mit der Zeit, den Jahren und Monaten lauschte ich während in dieser Körperhaltung war, auch mal den Worten des Lehrers. Am Anfang war ich einfach zu sehr damit beschäftigt zu atmen, die Haltung einzunehmen, mich zu konzentrieren. Der Lehrer sagte beim Schulterstand „Die Stellung aller Teile. oder sich selbst annehmen in allen Teilen.“ Gehört habe ich es und scheinbar auch verstanden. 

Doch wirklich verstanden hatte ich es erst einige Zeit später. Es war nicht in der Yogastunde, es war im Alltag mit meiner Tochter. Ich hatte einen schlechten Tag und war nicht zufrieden mit mir als Mutter. Ich dachte nur, du bist wie deine eigene Mutter. Und so wolltest du doch nie werden. Ich weinte bittere Tränen, weil ich so frustriert war. Wie sehr hatte ich mich angestrengt, es besser und anders zu machen. Ich wollte nicht so sein. Nein! Und da viel es mir wie Schatten von den Augen. „Sich annehmen in allen Teilen.“ Ich hatte es lange nicht gesehen und erkannt. Jahrelang (und bestimmt auch heute noch) habe ich gegen mich selbst gekämpft, wie ich war. Ich habe Teile von mir ganz klar abgelehnt. Doch gerade diese Teile in mir, wollen angenommen, umarmt, geliebt und geheilt werden. Gerade diese schmerzhaften Stellen in uns brauchen doch Trost. Das ist das Geheimnis von Selbstliebe und Einfach-Sein. 

Auch wenn wir nicht nur ein Produkt unserer Erziehung sind, hat sie uns geprägt und zu dem Menschen gemacht, der wir heute sind. Doch mit dem Bewusstsein dafür, wo wir gegen uns kämpfen und wo wir uns annehmen können, beginnt ein wunderbarer, tiefer, innerer Prozess. Ein Prozess, der ein Leben lang dauert. Dann können wir lernen aus den Produkten unserer Erziehung und daran wachsen, lernen uns selbst zu lieben und uns sein-zu-lassen. 

Das abgebildete Foto bildet eine fortgeschrittene Variation des Schulterstandes ab. Bitte nur praktizieren, wenn du mit den Basics vertraut bist und den Schulterstand schon länger übst. 

23. Juni 2019