Heute schreibe ich nicht als Yogalehrerin.

Heute schreibe ich als Mutter. 

An all die Mütter da draußen, die gerade kleine Kinder haben. 

An all die Mütter, deren eigene Kindheit geprägt war von körperlicher und seelischer Gewalt. 

An die Mütter, die es besser machen wollten als ihre eigenen Eltern. 

Wahrscheinlich habt ihr euch vorgenommen „es besser zu machen“. Euch belesen und ihr beherrscht die Theorie der kindlichen Entwicklung. Ihr wisst über Autonomiephase bescheid, kennt jegliche Globuli bei Zahnungsbeschwerden, die ökologischeste Windel. Ja, ihr wisst sogar, dass es wichtig ist, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Vielleicht hast du jeden Tag Zeit für dich, die du am Handy verbringt oder vielleicht meditierst du sogar oder hast eine Morgenroutine. 

Doch dennoch bist du, wenn du Gewalt in der Kindheit erfahren hast, eine traumatisierte Frau. 

Bei Menschen, die in Kriegsgebieten waren, ist es mittlerweile üblich, die Traumas zu sehen. 

Aber keiner hat dir jemals gesagt, wie schwer es werden wird. Keiner hat dir gesagt, wie schwer es ist alte, tiefe Verletzungen in deinem Körper, deinem Geist und deiner Seele hinter dir zu lassen. Keiner hat dir gesagt, was zu tun ist, wenn dein Körper ständig unter Strom ist, weil die alten Wunden eben noch Ängste schüren und diese Ängste immer da sind, negative Glaubenssätze dein Leben leiten. Wenn du völlig gestresst bist und dann dein Kind dich mal wieder an deinem wundesten Punkt trifft. 

Und dann sitzt du da und denkst du bist gescheitert als Mutter. Du wolltest es doch besser machen. Aber nein, du hast versagt. Du hast einen Fehler gemacht und etwas blödes gesagt, getan, es bestraft. Ich bin mir ziemlich sicher: bei weitem nicht so schlimm, wie du selbst es erlebt hast. Und wahrscheinlich war es eher eine Ausnahmesituation. Dennoch gehst du hart mit dir ins Gericht. Verurteilst dich und betreibst Selbstsabotage. 

Ich bin so eine Mutter. 

Ich habe körperliche Gewalt erfahren. 

Ich habe seelische Gewalt erfahren. 

Ich hatte Angst. Jeden Tag. Angst um das Leben meiner Eltern und Angst um mein eigenes Leben. 20 Jahre lang. 

Und die Angst sitzt mir heute noch im Nacken. Tag für Tag. 

Ich wache damit auf.

Ich gehe mit Angst durch den Tag.

Ich schlafe damit ein. 

Unbewusst. 

Ich liebe meine Kinder. Meine Mädchen. Doch ich habe unterschätzt, wie sehr die Spuren in meinem Unterbewusstsein sind. Ich habe das Triggern meiner Vergangenheit unterschätzt. Und ich weiß, dass ich es besser machen will. Und ich tue es jeden Tag. Doch es gibt diese Tage, die ich so gerne ungeschehen machen würde.Tage wo es mir nicht gelingt, wie ich es gern hätte. Wo ich denke, welcher Mensch hat das gerade zu deiner Tochter gesagt.

Das sind die Momente, wo die Vergangenheit mich einholt.

Heute war so ein Moment. Heute war der Moment, wo ich meine Mutter verstand und ihr in Liebe und Mitgefühl begegnen kann. Ich sehe das verletzte Kind in ihr und mir. „Hurt People hurt People.“Der Moment, wo ich meine Vorwürfe gegen sie fallen lasse. Der Moment, wo ich lernen darf zu vergeben und es mir leicht fällt. Der Moment, wo ich lerne mir selbst, trotz aller Schuld und Scham in die Augen zu schauen. Mitgefühl für mich, meine Mutter und meine Töchter aufzubringen. Und uns zu sagen:

Ich vergebe dir. 

Ich vergebe mir.

Es tut mir leid.

Bitte vergebe Du mir meinen Anteil. 

Ich liebe dich. Ich liebe mich.

Danke. 

Ich bekenne mich zu meinen Fehlern damals und heute. Ich übernehme Verantwortung. Ich stimme dem zu, was war. Ich vergebe. Und gehe weiter. Mit einem tiefen Respekt. Und dem Vertrauen, dass es besser wird. Und ich spüre wie dieser Kampf besser zu sein als die eigenen Eltern mir Druck macht. Tag für Tag im Umgang mit meinen Töchtern. Bloß nicht versagen. Aber warum eigentlich? Warum muss ich kämpfen und besser sein? Warum lege ich den Fokus nicht auf jetzt und hier? Mitgefühl, Liebe und ein wohliges Ankommen nehme ich wahr. Auf einmal wird es leicht und warm. Ich lasse den Kampf los und wähle Frieden. Frieden und Vergebung. Selbstvergebung ist die schönste Form von Selbstliebe.

10. Februar 2020