Paschimottanasana

Ich muss zugeben eine der Yogahaltungen, die ich lange nicht mochte und schon gar nicht verstand, war die sitzende Vorwärtsbeuge. Allein mit der Ansage kam ich verstand ich nicht „aus gerader Hüfte heraus“. Äh, wie jetzt? Dann passiert bei mir gar nichts. Dann komme ich nicht mal mit den Händen irgendwo hin außer auf meinen Oberschenkel. Und ich soll auch noch aufgerichtet und gerade im Rücken bleiben. Irgendwie sah diese Körperhaltung oder auch Asana genannt, bei allen anderen professionell und gekonnt und leicht aus. Nur nicht bei mir. 
Und die Worte gehen weiter „Lasse los und entspanne dich in die Haltung hinein.“ Also entspannen… das ist jetzt wirklich zu viel. Es ist anstrengend, unentspannt und unbequem, die Dehnung in den Beinen ist dabei ganz nebensächlich. So oder so ähnlich fühlte ich mich noch bis in meine Yogalehrer Ausbildung hinein und war gestresst und überfordert mit dieser Übung. Dabei strengte ich mich doch so an. 

Ja, wirklich. Ich gab mir Mühe zu entspannen und loszulassen, aufrecht zu bleiben und meinen Atem frei fließen zu lassen. So wie der Lehrer sagt und wie es sein soll. 

Kennst du diese Gedanken? Kennst du diese Asana? Wie fühlst du dich dabei? 

Aufgebaut wird die klassische Variante aus dem Langsitz. Die Hände sind neben dem Gesäß. Die Beine dabei gestreckt und die Zehen entspannt Richtung Knie gezogen. Dabei entsteht eine Dehnung vor allem in den Beinrückseiten. Den Rücken nach oben lang machen und einatmend die Arme nach oben strecken. Ausatmend senkst du dich aus gerader Hüfte heraus nach vorne. Die Hände locker auf Oberschenkeln, Knien, Schienbeinen oder Füßen ablegen. Und wichtig ist nicht, wo die Hände liegen, sondern dass Hände, Arme und Schultern entspannt sind. Erstmal klingt es einfach, dennoch ist diese Stellung für mich und viele, viele andere Yogis eine wahre Herausforderung. Und in der Herausforderung, wie so oft im Leben, liegt das Geschenk. 

Die körperlichen, geistigen und energetischen Wirkungen dieser Haltung sind enorm und immer wieder wird erwähnt, wie wichtig diese Haltung ist. Leichter macht es das Üben erstmal nicht. 

Und irgendwann in einer Yogastunde hatte ich echt keine Lust mehr auf diese Übung und das Loslassen und Grenzen erkennen. Der Frust über meine sehr engen Grenzen macht es mir nicht unbedingt leichter. Und dann geschah etwas, was ich nicht beschreiben kann. Ich sank nach unten, mein Atem war leicht und ich spürte wie ich mit jedem Atemzug noch tiefer sank. Das Denken stellte sich ein und ich genoss. Was war passiert? Ich hatte aufgehört zu kämpfen. Ich hatte meine Grenzen erkannt. Und das wichtigste… ich hatte mich nicht mehr angestrengt loslassen zu müssen. Loslassen kann man nicht erzwingen, es geschieht. Durch uns. 

Das war der erste liebevolle Kontakt mit dieser Form von Bewegung und Bewusstsein. Und während meiner Ausbildung und eigenen Praxis habe ich angefangen zu verstehen, dass neben der geistigen Haltung auch die körperlichen Vorrausetzungen geschaffen werden dürfen. Nicht jeder Körper kann von heute auf morgen diese Übung bilderbuchmäßig ausführen. Verspannungen, Blockaden, zu kurze Muskeln, Bänder und Sehnen, falsche Körperhaltungen und wenig Körpergefühl machen den Start erst mal schwer. Und falsch praktiziert kann diese Asana auch Beschwerden verschlimmern. 

Wichtig: Also bevor du dich jetzt auf die Matte schwingst, lasse dir bitte von einem erfahren Yogalehrer (oder von mir) zeigen, wie du diese Übung GESUND für dich üben kannst. Solltest du körperliche Beschwerden oder Diagnosen vorliegen haben (u.a. Bandscheibenvorfälle), konsultiere bitte vorher einen Arzt und/oder Physiotherapeuten, bevor du dich ans üben machst. 

Ich finde es unheimlich hilfreich für die sitzende Vorwärtsbeuge ein Gefühl für deinen Körper, insbesondere deinen Rücken und die Beine zu bekommen und dich darin zu üben den Rücken aufgerichtet halten zu können. Dafür gibt es wirklich zahlreiche, wunderbare Vorübungen und Alternativen. Ich würde sagen, da ist für jeden etwas dabei. Auch für dich. 

Und warum der Aufwand? Nur ein paar der zahlreichen Wirkungen zum Schluss. Paschimottanasana schenkt deinem Rücken Länge (und somit auch den Wirbelköpern und Bandscheiben) die Hüfte wird mehr und mehr gebeugt, das Immunsystem aktiviert, die Verdauung unterstützt, sowie eine Anregung Bauchspeicheldrüse, was förderlich ist für den Blutzuckerspiegel. Niere und Leber werden in Ihrer Aufgabe unterstützt zu entgiften. Das sind nur ein paar der körperlichen Wirkungen, dann gibt es noch energetische und geistige. 

Klingt spannend diese Asana. Und so lange wie ich dafür gebraucht habe, um sie zu verstehen, umso mehr kann ich diese jetzt in meiner Praxis genießen. Und gerade in der Schwangerschaft (in einer Variante) ist diese Asana zu einem Geschenk geworden mich im Loslassen zu üben. 

16. Juni 2019